Hintergrundbericht

Seit der Wende 1990 sind 149 Menschen Todesopfer neonazistischer Gewalt geworden. Der 18. März 1992 wurde dem Kapitän Gustav Schneeclaus zum Verhängnis. Er wurde am Buxtehuder Busbahnhof von Neonazis zusammen geschlagen und erlag vier Tage später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Einer der beiden Täter, Stefan Silar, spielt heute eine führende Rolle in der Kameradschaftsszene um Tostedt/Wistedt und Umgebung.

Vorgeschichte

Anfang der ’90er war Buxtehude als Hochburg extrem rechter Skinheads im Landkreis Stade bekannt und sorgte immer wieder für Schlagzeilen durch faschistische Propagandaaktionen, Nazischmierereien und Gewalttaten. Verfassungsschutz und Polizei gingen damals von einem Kern der Neonaziszene von rund 30 Personen aus Buxtehude und Umland aus.
Diesem wurde zwar keine feste Organisationsstruktur nachgewiesen, allerdings sei unter anderem eine starke Verbindung zu der damaligen FAP (Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei) zu beobachten gewesen. Der zweite Täter, der damals 25-jährige Stephan Kronbügel, sei außerdem bei öffentlichen Veranstaltungen als Wortführer aufgetreten und habe versucht, sich in den Vordergrund zu drängen.
Bereits ein Jahr vor dem Totschlag von Gustav Schneeclaus hatte ein neofaschistischer Skin dem Buxtehuder Tageblatt gegenüber erklärt: „Das kannste glauben, irgendwann gibt’s den ersten Toten im Landkreis”.

Gustav Schneeclaus war am 12. November 1938 geboren worden und hatte als kleines Kind den Krieg und die Hochphase des Nationalsozialismus bedingt miterlebt. Nachdem er 30 Jahre als Kümo-Kapitän zur See gefahren war, ließ er sich in Buxtehude nieder, um ein neues Leben zu beginnen.

Der Totschlag

Am Morgen des Mittwoch, den 18. März 1992 verließ er seine Freundin von zu Hause und wollte zur Bank, um 200 DM abzuholen.. Vorher hatte er sie gebeten, ihn doch auf seinem Weg zu begleiten, denn er fürchte sich so vor den Menschen. Am Spätnachmittag traf der Kapitän auf eine Gruppe von Skinheads, welche sich am Busbahnhof aufhielten, um sich dort wie so oft zu besaufen. Der ebenfalls alkoholisierte Schneeclaus kam irgendwie über seine Seefahrergeschichten mit den Neonazis Stefan Silar und Stephan Kronbügel ins Gespräch. Nach einer Weile wurde es politisch und als der Kapitän sagte: “Hitler war der größte Verbrecher!” drehten die beiden Nazis durch. Stephan Kronbügel gab später im Prozess vor Gericht an, dass er sich schon durch andere Aussagen von Schneeclau habe provoziert gefühlt, wie z.B. durch die Aussage, das Hitler Österreicher und nicht Deutscher war. Wohl deshalb schlugen sie auf den Kapitän ein, bis er von der Bank fiel, auf der er vorher gesessen hatte. Daraufhin verschwanden die Neonazis vom Busbahnhof mit dem Auto.

Etwa eine Dreiviertelstunde später kamen sie wieder, bewaffnet mit einem Kantholz, um ihre Gräueltat zu vollenden. Mit dem Kantholz und ihren Springerstiefeln schlugen und traten sie auf ihr Opfer ein, doch nicht genug der Brutalität, der 19-Jährige Stefan Silar sprang darüber hinaus auch noch unter den Anfeuerungsrufen seines Kameraden Stephan Kronbügel: „Mach ihn tot, mach ihn tot”, immer wieder auf den wehrlosen Schneeclaus. Anschließend verschwanden sie wieder und riefen einen Freund an, um zu verschwinden:„Wir haben einen umgehauen und müssen weg. Komm, fahr‘ uns nach Hamburg”. Der Fahrer kehrte später zum Tatort zurück und benachrichtigte kurz vor Mitternacht anonym den Notarzt, als Schneeclaus immer noch schwer verletzt am Busbahnhof lag.

Der Kapitän wurde unterkühlt, mit schwersten inneren Verletzungen, einem Schädelbruch, einem abgerissenem Halswirbel und vier gebrochenen Rippen ins Kreiskrankenhaus Stade eingeliefert, wo er in der Nacht von Samstag, dem 21.3., auf Sonntag, den 22.3. aufgrund der Schwere der Verletzungen an einem Herz-Kreislauf-Versagen starb. Gustav Schneeclaus wurde 53 Jahre alt.

Verhaftung und Gerichtsprozess

Da sowohl die Jacke als auch Schlüssel und Portemonnaie des Kapitäns fehlten, ging die Polizei anfangs von einem Raubüberfall, später Raubmord aus. Allerdings konnten bereits 12 Stunden nach Bekanntwerden des Todes von Gustav Schneeclaus die beiden Täter, Stefan Silar in Hollenstedt und Stephan Kronbügel in Neugraben, verhaftet werden. Silar, der Jüngere der beiden Neonazis, legte bereits am Montag ein Tatgeständnis ab, während Kronbügel seine Aussage verweigerte. Die einberufene Sonderkommission war ihnen unter anderem deshalb auf die Spur gekommen, weil sich der anonyme Anrufer in Widersprüche verstrickte und Silar und Kronbügel am Tag nach der Tat direkt am Tatort vor ihrer Skinheadclique mit der noch vorhandenen Blutlache prahlten.

Im September des selben Jahres fand der Gerichtsprozess statt. Die Anklage der Staatsanwaltschaft lautete: Körperverletzung mit Todesfolge. Doch die Richter des Stader Landgerichts nahmen schnell Mord aus niedrigen Beweggründen an, was lebenslange Haft für die beiden wegen Raubes, Körperverletzung und Sachbeschädigung vorbestraften Täter bedeutet hätte.

Die Verteidiger beider Skinheads plädierten aufgrund des Alkoholkonsums darauf, dass die Beiden im Vollrausch weder vorsätzlich hatten töten wollen noch seinen Tod bei der Schlägerei billigend in Kauf nahmen. So habe z.B. Silar alleine 12 Bier und eine halbe Flasche Weinbrand vor der Tat getrunken. Ein Sachverständiger berechnete aus den Angaben der Angeklagten einen Maximalpromillewert von 4,7, mindestens jedoch 2,8 für den 19-jährigen Stefan Silar und für den 26-jährigen Stephan Kronbügel mindestens 2,6 bis maximal 4,3 Promille. Dennoch war in den Augen der Gerichtsmedizin keine verminderte Schuldfähigkeit zu erkennen, da das Verhalten der beiden Täter im Widerspruch zu den Promillewerten stand. Auch aufgrund von Aussagen direkt nach der Tat wie: „Wir haben einen platt gemacht, […], der vielleicht auch tot ist”, sahen die Richter die volle Einsichtsfähigkeit der beiden Neonazis als erwiesen an.

Trotzdem plädierte die Anwälte der beiden „nur” auf Körperverletzung mit Todesfolge, Kronbügels Anwalt sagte zum Beispiel in seinem Plädoyer: „Stephan ist ein Schläger, aber kein Totschläger”, außerdem bezeichne er sich nur als „rechts” und nicht als „radikal”.

Einer der Zeugen, ebenfalls Mitglied der Skinheadgruppe um die beiden Täter, hatte die beiden Täter nach der Tat nach Hamburg gefahren und später den Notarzt alarmiert (s.o.). Bevor er allerdings am dritten Verhandlungstag zum Prozess erscheinen konnte, wurde ihm und seiner Familie sowohl anonym gedroht, als auch versucht ihn auf der Autobahn auf dem Weg zum Gericht mit einem Fahrzeug abzudrängen. Seinen Freunden waren 2000 DM geboten worden, wenn sie seine neue Adresse herausgeben würden. Auch andere Zeugen aus der Umgebung der Angeklagten wirkten stark eingeschüchtert.

Am Montag, dem 18. September 1992 verurteilte das Gericht Stefan Silar nur zu sechs und Stephan Kronbügel zu achteinhalb Jahren Gefängnis wegen Totschlags. Den beiden blieb damit eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes aus niederen Beweggründen erspart.

Stefan Silar

Im Frühjahr 1998 wurde Stefan Silar aus der JVA entlassen und wurde gleich im April wieder auffällig, als er zwei AntifaschistInnen an einer Tankstelle angriff. Später in der Nacht folgte in einem Wohngebiet ein zweiter Angriff, bei dem die mit Eisenstangen, Baseballschlägern und Gaspistolen bewaffnete Gruppe dafür sorgte, dass einer der AntifaschistInnen mehrere Tage auf der Intensivstation lag und für immer auf einem Ohr taub ist.

Blood & Honour sowie Combat 18 Pinneberg

Nachdem Silar im Gefängnis anscheinend einige Kontakte geknüpft hatte, übernahm er direkt nach der Haftentlassung im 2000 verbotenen Rechtsrocknetzwerk „Blood & Honour” die Leitung für die „Sektion Nordmark”. Er organisierte als „Sektionsleiter” Rechtsrockkonzerte und sorgte mit dem „Saalschutz Nordmark”, welcher aus dem Verbot des „Blood & Honour”-Netzwerkes hervorging, für die Sicherheit der Konzerte, unter anderem auch für die Band „Kategorie C – Hungrige Wölfe”. Im Jahr 2006 versuchte der „Saalschutz Nordmark” unter Leitung von Silar einen Angriff auf einen anwesenden Journalisten.

Zuvor wurde Silar 2005 jedoch im „Combat 18 Pinneberg” Prozess mitangeklagt, weil die Gruppe der Planung und Durchführung von gewalttätigen und terroristischen Aktionen beschuldigt war. „Combat-18“ hatte von „szenetreuen“ Rechtsrockversänden Schutzgeld erpresst und Neonazis, die die Entwicklung nach dem „Blood & Honour“ Verbot kritisierten, abgestraft und verprügelt. Durch die Verknüpfung des „Saalschutz Nordmark” hatte auch Silar einen solchen Auftrag übernommen um einen Kritiker „zurück auf Linie zu bringen”. Der Kritiker wurde auf einem Rechtsrockkonzert von Silar verprügelt, was zu seiner Mitanklage führte. Kurz vor einer großen Razzia gegen die Combat 18 Pinneberg” Gruppe, warnte Silar den späteren Hauptangeklagten Clemens Otto vor, nachdem er vom Staatsschutz erfahren hatte, dass die Gruppe unter Beobachtung stand.

Neonaziszene Tostedt

Ebenfalls 2005 eröffnete Stefan Silar seinen Neonaziladen „Streetwear Tostedt” im Tostedter Ortsteil Todtglüsingen. Dort verkauft er von Rechtsrock CDs, über Waffen wie Quarzsandhandschuhe und Pfefferspray alles, darunter auch die Nazimarken „Thor Steinar” und „Eric & Sons”. Der Laden dient als Anlaufpunkt für Interessierte, wo sie Tipps zu „nationalen” Informationen erhalten, sowie als Szenetreff für die Naziszene von Tostedt und den umliegenden Dörfern. Des Weiteren ist der verurteilte Totschläger auch Betreiber des Internetversandhandels „Nordic Flame”, welcher das gleiche Sortiment wie der Onlineshop von „Streetwear Tostedt” bietet.

Neben seinen Aktivitäten in der lokalen Naziszene steht Silar auch über Tostedt und Norddeutschland hinaus in gutem Kontakt zu anderen Neonazis. Er ist regelmäßiges Mitglied beim „Stammtisch Nord”, einem Vernetzungstreffen für die „Freien Kräfte” und „Nationalen Sozialisten” aus dem norddeutschen Raum. Darüber hinaus pflegt er gute Kontakte zur NPD und wird oft auf Landesparteitagen und anderen Veranstaltungen als Teilnehmer gesichtet. Zudem steht er in enger Verbindung mit dem NPD-Bundestagskandidaten Sebastian Stöber, einer Schlüsselfigur in der Tostedter Naziszene, welcher zeitgleich auch Anführer der Kameradschaft „Gladiator Germania” ist. Noch heute finden in Tostedt interne Schulungen statt, bei welchen die große Nachwuchsszene von Kadern wie Silar und Stöber gezielt aufgebaut wird.

Als am 1. Mai AntifaschistInnen eine Spontandemonstration gegen den Naziladen in Todtglüsingen initiierten, tauchten innerhalb kürzester Zeit einige in der Nähe feiernde Nazis auf, durchbrachen die Polizeisperre und griffen die Demonstration mit Flaschen an. Silar drohte unter anderem einem Journalisten mit den Worten: „Du mit der Kamera bist der nächste…”

Die Tostedter Neonaziszene arbeitet auf eine „National befreite Zone“ Tostedt hin, dabei gilt brutale Gewalt als akzeptiertes „politisches Mittel“. Schwere Verletzungen der politischen GegnerInnen werden billigend in Kauf genommen. Das hat in den Neunziger Jahre mit Bothe angefangen und wird jetzt von Silar und Stöber der neuen Generation als „Politik“ verkauft. Die jungen Neonazis setzten diese Tradition mit zahlreichen Übergriffen und Einschüchterungsversuchen fort. Zum Beispiel waren Tostedter Neonazis an einem Angriff auf ein Jugendzentrum in Delmenhorst maßgeblich beteiligt. Mehrmals wurde ein Mehrfamilienhaus in Wistedt von Ihnen angegriffen und beschädigt, des Weiteren wurde die Polizeistation in Tostedt mit Steinen angegriffen.

Zu weiteren Informationen und Hintergrundberichten zur Situation Tostedt und Umgebung sowie Stefan Silar und dem Tod von Gustav Schneeclaus:

krautdetection.blogsport.de
akschneeclaus.blogsport.de

Am18.03.2010 um 18:00 Uhr findet am Buxtehuder Busbahnhof eine Mahnwache zur Erinnerung an Gustav Schneeclaus statt, sowie darauf folgend um19:00 Uhr ein Vortrag von André Aden (Recherche Nord) zur Neonaziszene in Tostedt und Stefan Silars Rolle in dieser Szene. Der Vortrag wird im Kulturforum abgehalten.

Wer mit der Bahn aus Hamburg kommt, fährt am besten zusammen mit allen anderen Menschen, die aus dieser Richtung kommen. Um 17:21 fährt die S-Bahn nach Buxtehude aus Hamburg-Harburg ab. Wenn sie um 17:46 in Buxtehude eintrifft, werden wir als geschlossener Zug zum Busbahnhof gehen.

Antifaschistischer Arbeitskreis Gedenken an Gustav Schneeclaus in Unterstützung durch die VVN- BdA Kreisvereinigung Stade sowie in Kooperation mit dem Kulturforum am Hafen e.V.


1 Antwort auf „Hintergrundbericht“


  1. 1 #FCSP Montagslangeweile trotz des Dreiers gegen Karlsruhe « KleinerTods FC St. Pauli Blog Pingback am 13. März 2012 um 18:54 Uhr
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